Wissenschafts-Zensur im Namen des Guten wie einst bei Galileo Galilei

Foto von Marco Trotta
Wissenschaft funktioniert so, dass man eine These hat und diese versucht zu beweisen. Oder man hat eine Tatsache und interpretiert diese.

Wenn einer davon ausgeht, dass die Erde hohl und innen bewohnt sei, dann soll er Hinweise und Beweise ranschaffen. Da wir nicht mit Sicherheit wissen, wie das Innere der Erde aussieht, sollte es auch schon genügen wenn er zeigt, dass für seine Version nicht weniger spricht als für die aktuellen Theorien.

Wir mögen ihn belächeln, aber ihn von vornherein zu disqualifizieren, weil einem das Weltbild nicht gefällt (vielleicht weil es in Verbindung mit einer bestimmten Religion steht), ist unredlich und gängelt Wissenschaft genauso wie ein Galileo Galilei im Vatikan-Kerker.

Woher das Weltbild des Wissenschaftlers kommt, sollte keine Rolle spielen. Denn er ist ja in der Bringschuld. Soll er uns doch mal erklären, wie gut das zu den bekannten Tatsachen passt - oder Pseudo-Tatsachen entkräften.

Aber leider ist es nicht so. Im Mittelalter wurden im Namen Gottes Meinungen und Wissenschaft zensiert. Heute wird dasselbe getan im Namen von Pluralismus und Toleranz. So paradox das ist, es fällt den Leuten, die es machen, nicht auf. Genauso wie die mittelalterliche Kirche malen sie schnell den Teufel an die Wand: Beide meinen, mit den abzulehnenden Ideen wäre allerhand verderblichem Unsinn Tür und Tor geöffnet. Im Mittelalter musste die Erde das Zentrum sein, um das sich die Sterne drehen, damit der Mensch genug Respekt vor dem Schöpfer hat. Heute darf es in der Wissenschaft nichts geben, das zu einem "intelligenten Designer" passt, damit man Religionen nichts zugesteht. Denn Religionen sind potentiell gefährlich, weiß man ja. Nicht-religiöse Weltbilder sind nicht weniger gefährlich, weiß man auch, verdrängt man aber, um sein Feindbild zu pflegen, und die Schlimmen, das sind immer die anderen.

Man möchte fast meinen, Dan Brown habe recht und die "Illuminati" schlügen "die Christen" mit vielen Jahrhunderten Verspätung mit "ihren eigenen Waffen", nämlich Intoleranz und Zensur. Darum zählen die Beweise, die von Gläubigen kommen, weniger als die freien Fantasien von Leuten, die nicht vom Glauben "belastet" sind.

Heute meint man, Leute, die an einen Schöpfer glauben, überschritten eine "gefährliche" Grenze, wenn sie Hinweise und Beweise für ihr Weltbild suchten. Das haben sie gefälligst zu unterlassen! Und sie haben auch nicht darauf hinzuweisen, dass das heutzutage "gültige" extrem hohe Alter unseres Planeten und die Entstehung der Arten nur Ideen sind und keine Tatsachen. Religion habe sich nicht mit Wissenschaft zu vermischen.

Wer Glauben aber dermaßen aus Wissenschaft heraushalten will, macht sie selbst zu einer verklärten unberührbaren Heiligkeit. Denn Wissenschaft hat immer mit Glauben zu tun. Siehe den Anfang dieses Textes: Ein Wissenschaftler geht entweder von einer Ansicht aus und versucht diese zu beweisen. Oder er interpretiert vorhandene Tatsachen. Und es sollte ihm dabei sogar gestattet sein, man höre und staune, Tatsachen anders zu interpretieren als der Mainstream - so dass er eventuell darauf kommt, dass die Erde nicht das Zentrum unseres Sonnensystems ist oder sich die verschiedenen Lebewesen nicht in unsäglich langer Zeit eines aus dem anderen entwickelt haben.

Mainstream-Anhänger meinen allzu schnell, Andersdenkende seien gefährliche Sektierer. Mit Interesse an Tatsachen hat so eine Denkweise nichts tun, aber viel mit emotionalen Blockaden im Kopf. Mit eingeschleifter Gewohnheit, mit einem Automatismus des eigenen Glaubens, auch bei Leuten, die in ihrem Kopf angeblich Fakten und Glauben trennen.

Religion schwingt sich nicht - wie im Mittelalter - zu Herrin über die Wissenschaft auf, wenn gläubige Menschen zeigen, dass Evolution keine Tatsache ist und dass die aktuelle Beweislage einem Glauben an Gott nicht widerspricht und ihn vielleicht sogar nahelegt. Wer anderer Meinung ist, kann deswegen noch lange nicht die Hin- und Beweise der Gläubigen zu Bullshit erklären - und er sollte vielleicht mal so kritisch mit sich selbst umgehen, wie er es gewohnt ist mit den "doofen Religiösen" zu tun: Was sind seine wahren Gründe, deren Sicht so vehement abzulehnen? Meint er echt, das Mittelalter würde wiederkehren? Hat er keinen Bock auf Gott? Hat er mal Fromme kennengelernt, die sich wie Arschgeigen benahmen und schließt von daher auf Gott, Kirchen, Gläubige?

Wo viel um Wissenschaft gestritten wird, geht es, davon bin ich überzeugt, am Ende doch vor allem um die eigene Biographie und Psychologie. Und darum sind Tatsachen alleine auch kein Gegenargument für Kritiker. Komischerweise muss man das Herz der angeblich so Tatsachen-orientierten Leute erreichen, wie Jesus es getan hat.

Schöpfungs-Anhänger findet man in der wissenschaftlichen Fachliteratur nicht, argumentieren deren Ablehner und verweigern ihnen darum die Veröffentlichung von Fachbeiträgen (sogar wenn es um etwas ganz anderes geht!). Dabei sind es dann nicht die Gläubigen, die im Kreis argumentieren, sondern deren Kritiker (ich habe noch nie gesagt, "die Bibel ist wahr, weil es in der Bibel steht", aber "zirkuläre Logik" wurde mir schon von einem Kommentator des Artikels "Wissenschaftlicher Atheismus?" vorgeworfen - Standardkritik aus der Atheisten-Schublade eben). Und wehe, es gibt doch mal ein Fachbuch, dass die Evolution nicht als unumstößliche Tatsache darstellt, wie "Evolution - ein kritisches Lehrbuch", das ist auch wieder nicht recht, weil ja voll böse und mittelalterlich, weiß man doch, unbesehen, ohne nachzudenken...

Ich weise noch ein drittes Mal auf die Zensur-Erfahrungen eines Intelligent-Design-Anhängers hin:
Evolution und Schöpfung: Mechanismen der Macht

Text und Foto von Marco Trotta